Forschung

Meine Forschungsinteressen umfassen die Geschichte von Sexualität und Geschlecht, Queer History, Trans History und pädagogische Konzepte zur Aufklärung über die Geschichte des Nationalsozialismus.

In meinem Promotionsprojekt untersuche ich, wie queere Personen während des Nationalsozialismus in Psychiatrie behandelt wurden.

Während des Nationalsozialismus wurden Personen, die als sexuell und/oder geschlechtlich abweichend wahrgenommen wurden, in psychiatrischen Kliniken behandelt.  Die Psychiatrie im NS-Deutschland stellte sich überwiegend in den Dienst der NS-Rassenhygiene.[1]  Im Kontext der nationalsozialistischen Rassenhygiene konnte die Diagnose einer psychischen Krankheit den Ausschluss aus der NS-„Volksgemeinschaft“ bedeuten.[2] Konstruktionen von Sexualität und Geschlecht spielten in der Konzeption von psychischen Krankheiten eine gewichtige Rolle.[3]

In meiner Dissertation untersuche ich erstens wie und zu welchem Zweck Betroffene eingewiesen und behandelt wurden. Zweitens möchte ich analysieren, welche Narrative Psychiater:innen und Pflegepersonal bezüglich Sexualität und Geschlecht herstellten.

Ich gehe davon aus, dass Personen vorrangig durch die Intervention von Angehörigen und von gesellschaftlichen Autoritäten (Familie, Schule, Arbeitsplatz, Polizei etc.) eingewiesen wurden. Zweck der Behandlung war es, zu überprüfen, ob die betroffenen Personen wieder „normal“ gemacht, d.h. in die hetero-sexistische Ordnung des Nationalsozilalismus zurückgeführt, werden könnten. Im weiteren gehe ich davon aus, dass sich die Phänomene von Sexualität und Geschlecht für die behandelnden Psychiater:innen und das Pflegepersonal die meiste Zeit als sehr schwammig und verworren darstellten.[4] Die ständig wechselnden Kategorien und Zuschreibungen zeigen, dass es nicht einfach war, abschließende Einordnungen zu finden. Der Klinikaufenthalt diente auch dazu, diese aus Sicht der Psychiater uneindeutigen Phänomene zu entwirren.

Als Quellen verwende ich in meiner Arbeit in der Hauptsache dreißig „Patient:innenakten“ aus der ‚Universitäts-Nervenklinik“, welche im Universitätsarchiv Halle archiviert sind. Diese hob ich zwischen Juli 2021 bis April 2023 aus. Die Patient:innenakten aus der „Universitäts-Nervenklinik“ sind eine einzigartige Quelle, die zur Erforschung bisher nicht erschlossener Facetten des Umgangs mit queeren Menschen während des Nationalsozialismus herangezogen werden können. Im Weiteren analysiere ich die spezifische Theorieproduktion über queerness, die als behandlungswürdig eingestuft wurde, von Psychiatern, die in Halle tätig waren. Diese soll den diskursiven Rahmen, in dem die psychiatrische Praxis stattfand, beleuchten.[5]


[1] Schoppmann, Claudia. Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität. Frauen in Geschichte und Gesellschaft 30. Pfaffenweiler: Centaurus-Verl.-Ges, 1991; Zugl.: Berlin, Freie Univ., Diss., 1990.

[2] Mit dem Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde dessen legislatorische Grundlage geschaffen, siehe Roelcke, V. “Psychiatrie im Nationalsozialismus: Historische Kenntnisse, Implikationen für aktuelle ethische Debatten.” [Psychiatry during National Socialism: historical knowledge, implications for present day ethical debates] Der Nervenarzt 81, no. 11 (2010): 1317-8, 1320-2, 1324-5;

[3] Bock, Gisela. “Zwangssterilisation im Nationalsozialismus.”. Zugl. Kurzfassung von: Berlin, Techn. Univ., Habil.-Schr., 1984, Verl.-Haus Monsenstein und Vannerdat, 2010, 446.

[4] Zu der Schwierigkeit von bürokratischen Apparaten, Sexualität und Geschlecht zweifelsfrei einzuordnen siehe auch Caplan, Jane. ““The Administration of Gender Identity in Nazi Germany“.” History Workshop Journal, no. 72 (2011): 171–180 und Anton Schulte, „He roamed the streets in a flamboyant and ladylike attire“, Encounters between Transvestites and Bureaucrats in Weimar Republic and in National Socialism, 1919 – 1945“, Master Dissertation in Queer History, Goldsmiths College London, 2019.

[5] Hier untersuche ich insbesondere die Schriften von Emil Abderhalden zur sogenannten „Abderhaldenschen Reaktion“. Siehe dazu Michael Kaasch. “Sensation, Irrtum, Betrug? Emil Abderhalden Und Die Geschichte Der Abwehrfermente.” Acta Historica Leopoldina, no. 36 (2000): 145–210; Noll, Richard. “The Blood of the Insane.” History of Psychiatry 17, 68 Pt 4 (2006): 395–418.

Veröffentlichungen

Zuletzt erschienen: Joy Reissner, Anton Schulte, „Not just cis-ters: Queer History und ihre Potentiale für Geschlechtergeschichte.“ in: Neumann, Andreas, Pia Marzell, Lisa-Marie Oelmayer, Katharina Breidenbach,Silke Meinhardt, und Maren Möhring. Geschlechtergeschichte bleibt?! Herausforderungen und Perspektiven historischer Geschlechterforschung. S.l.: transcript Verlag, 2025, 121 – 132.

Blogartikel über mein Promotionsprojekt, https://hisgoespub.hypotheses.org/3420

Anton Schulte, Sexualität und Geschlecht im Spiegel der Akten der „Universitäts-Nervenklinik“ Halle (Saale), 1929–1939″  . HISTORY GOES PUBLIC. Abgerufen am 12. Juli 2024 von https://doi.org/10.58079/xv8h.

Schulte, Anton,Walter & Ernestine: Lebenssituationen von trans und geschlechtsunkonformen Personen in Frankfurt am Main und Wien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: tin*stories. Trans | inter | nicht-binäre Geschichte(n) seit 1900 (Münster: Edition Assemblage, 2022.

Rezension zu Julia Austermann: Visualisierungen des Politischen. Homophobie und queere Protestkultur
in Polen ab 1980, in: Nordost-Archiv XXIX (2020).

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