Protokoll über Transfeindlichkeit mit „jetzt.de“ vom 15.12.20

Ich habe mit „jetzt.de“ über Transfeindlichkeit im Alltag gesprochen.

Anton, 26

Arbeitet an einer Uni als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. | Pronomen: er

„Ich bin weiß, komme aus einer Mittelschichtfamilie und befinde mich daher auch einer sehr privilegierten Situation. Das ist mir wichtig, wenn es um dieses Thema geht. Denn ich glaube, dass mir deswegen sehr viele Anfeindungen erspart bleiben. Bisher habe ich keine offene Gewalt erlebt. Trotzdem stehe ich ständig unter dem Druck, einer heterosexuellen Norm von Männlichkeit zu entsprechen. Das ist sehr belastend. Ich habe immer wieder Angst, als ,Hochstapler‘ entlarvt zu werden. Bisher habe ich keine medizinischen Maßnahmen unternommen, nehme also keine Hormone und habe mich auch keinen geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen. Klar könnte ich mich operieren lassen. Aber die Frage ist: Warum ist es nicht einfach möglich, verschiedene Formen von Männlichkeit leben zu können? Jetzt mache ich mir aber ständig Gedanken, ob zum Beispiel meine Brust genug verdeckt ist, damit ich auch von allen als Mann gelesen werde. Das ist auch im Arbeitskontext sehr anstrengend.

Mein Eindruck ist, dass sich vor allem cis Männer von trans Männern bedroht fühlen. Wenn sie entdecken, dass ich nicht cis bin, dann verstört sie das. Ich hätte oft Lust, mich femininer zu kleiden. Aber ich mache das nicht, weil ich weiß, dass ich dann ins Schussfeld gerate – ich würde dann das verkörpern, was man salopp als ,tuntig‘ bezeichnet. Das ist ein Schutzmechanismus von mir, das zu vermeiden. Ich bin schwul. Beim Dating treffe ich vor allem Männer, die bisexuell sind oder sich als heteroflexibel bezeichnen. Da mache ich sehr gute Erfahrungen. Bisher meide ich die klassische schwule Datingszene, die von cis Männern dominiert wird. Ich habe da, um ehrlich zu sein, auch Angst davor. Denn ich kenne trans Männer, die in der klassischen schwulen Datingszene sehr viel Ablehnung erfahren haben. Am Ende ist es aber meiner Erfahrung nach oft so: Wenn sich zwei Menschen mögen und anziehend finden, dann ist vor allem wichtig, dass es zwischenmenschlich passt. Alles andere ist verhandelbar. 

Ich hatte vor meinem Coming-out massive Angst, dass Menschen mich nicht mehr akzeptieren würden. Ich komme aus einem katholischen, ländlich geprägten, konservativen Teil Deutschlands. Vor zwei Jahren habe ich es dann gewagt, da war ich 24 Jahre alt und habe gerade in London den Master ,Queer History‘ studiert. Alle meine Mitstudierenden waren queer, das hat es massiv erleichtert. Vorher hatte ich bereits ein Coming-out versucht, als ich noch in Wien gewohnt habe. Das habe ich aber nicht geschafft. Mein Umfeld kannte mich schon lange, aber eben nicht als Mann. Es ist schwierig, sein Geschlecht zu wechseln, wenn man in einem Freundeskreis schon etabliert ist. Da sind Rollen schon vorgegeben und ich wollte Freundschaften nicht aufs Spiel setzen. Am Ende habe ich aber fast nur Zuspruch bekommen von Freund*innen und Familie. Das hatte ich so nicht erwartet. Allerdings habe ich festgestellt, dass einige Menschen, mit denen ich während der Schulzeit befreundet war, sich nach meinem Coming-out nicht mehr gemeldet haben. Ich habe jetzt keinen Beweis dafür, dass es an meinem Coming-out lag, aber ich vermute es. Vielleicht haben sie es nicht verstanden oder lehnen das ab.“ 

Der ganze Artikel auf: https://www.jetzt.de/gender/transfeindlichkeit-und-ihre-auswirkungen-trans-menschen-erzaehlen

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